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Hast du der Lieder noch?
Nicht im durchweichten Erdreich siedeln sie, nicht in dunklen Darmdurchgängen, die auch poetenlockigen Virtuosen des Leders, des runden, nicht selten mal den Abgang aus der mittelmässigen Karriere bescheren, pointenreich von lokalen Boulevard zerpflückt und ausgeschlachtet, sondern ganz nah bei dir, Millimeter nur entfernt von dem trüben grauen Schleim, der dir hier das Lesen und das Zuweisen von Begriffen zu Bildern und Tönen und Geschmäckern und der haptischen Erfahrung ganz allgemein erst möglich machen. In den Tuben, die dem Fell ganz nah mit Hämmerchen und Bügelchen dasselbe traktieren und den Rhythmus von tausend Leben in dein Leben trommeln.
Keine Ordnung, keine Klasse, nicht einmal ein Weichtier eigentlich, hat sich in dein Bewusstsein geschlichen, eine Entität, die der Beschreibung entflieht und nur durch das Rumoren im Tagesgedanken unaufhörlich sich auf die angenommene Brust klopfend sich Raum verschafft. Aber dieser ist gross, eine Kathedrale von Tönen, Takten, egal ob Moll oder Dur, es zählt diese eine kleine Melodie - Fragment, das auf der Zunge hängt, mal laut im Hitparadensumpf laut plärrend daher gejohlt, mal leise im Versteckten unerkannt vor sich her gesummt, bruchstückhaft hervorgekramt aus alten Fernsehtagen, als Farbe noch ein Wunder war. Wo war das bloss, wo kommt es her? Ich kenn es doch, es ist nicht schwer, ein Quiz war’s, nein, die Tagesschau, von ausser Landes, ja, genau.
Geschichte kennen wir aus Büchern, Sprachen haben wir gelernt, können rechnen, integrieren, über die Seele der Welt fabulieren, sprechen Recht, doch tun es nicht; das Tageswerk verrichtet, zum eig’nen Vorteil nur, haben allerlei gehabt, auf viel verzichtet, leben froh in unsrer kleinen Welt, tun und lassen, was uns gefällt, und anderen nicht, geben uns dem Schicksal hin, und ergeben uns der Furcht, die Neues verspricht.
Doch eines Tages kommt der Wurm hervorgekrochen aus der Höhle, schleicht sich ein, in einer Wöhle, reisst dich aus dem Alltagstrott, führt den Verstand an der Nase herum, dribbelt hin und her und dann zum Schafott, begleitet dich durch den kleinen Tod, von abends spät bis zum Morgenrot. Immer, immer, immer wieder, hörst du ihn, aus all den Liedern, die du hast und bist und einmal wirst sein, jetzt ist er bei dir, und lässt dich alles - Arbeit, Sport, Saufen und Sex - tun was du willst, nur nicht allein.
Und wenn er weg ist, merkst du es kaum, es ist wie am Morgen der fantastische Traum, als alles gut war und du unglaublich dankbar für die Freuden und Leiden zwischen Lacken aus Seide; hättest du bloss geschlafen und wärst nicht erwacht, der Wurm wär’ geblieben, und hätt’ mit dir gesungen, die ganze Nacht.



